Schule will Friedländers Erbe weiterführen
Foto: Christoph Gräfenstein
Ein Bericht von Adriane Kotzott (Borkener Zeitung)
VELEN/GESCHER . Die Gesamtschule Gescher-Velen erhielt kürzlich die Bestätigung, sich nach der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer benennen zu dürfen. Damit wird in beiden Städten, wie schon in der Vergangenheit, mit der Namensgebung der Schulen an die Opfer des Nationalsozialismus und das jüdische Leben gedacht. Anlässlich des internationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar blickt die BZ auf die Namensgeberin und darauf, wie die Gesamtschule die Erinnerungskultur weiter stärken will. Philipp Ottmann schätzt sich glücklich, dass die Gesamtschule als eine der ersten diese Zustimmung erhalten hat. Nach dem Tod von Margot Friedländer am 9. Mai des vergangenen Jahres dürften die Anfragen nochmal zugenommen haben, vermutet er. Margot Friedländer engagierte sich bis zu ihrem Tod für Freiheit, Toleranz, Demokratie und Frieden und wurde zu einem Symbol der Erinnerns. Über Margot Friedländer Geboren wurde Margot Friedländer am 5. November 1921 in Berlin. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Schneiderin, musste jedoch ab 1940 in einem Rüstungsbetrieb Zwangsarbeit leisten. 1944 wurde sie ins Konzentrationslager Theresienstadt in Tschechien deportiert. Dort wurde sie im Mai 1945 befreit und entging nur knapp dem Tod durch den nationalsozialistischen Terror, wie die Margot-Friedländer-Stiftung auf ihrer Webseite schreibt. Sie überlebte als einzige in ihrer direkten Familie den Holocaust. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. In ihrer Gefangenschaft im Konzentrationslager traf die damals Anfang 20-Jährige ihren späteren Ehemann Adolf Friedländer. Beide emigrierten nach ihrer Befreiung in die USA und lebten in New York. Im Alter von 88 Jahren kehrte Margot Friedländer nach Deutschland zurück und setzte sich dafür ein, dass sich die Schrecken des Nationalsozialismus und ein Leiden wie ihres nicht noch einmal wiederholen. Unter anderem rief sie 2004 den Margot-Friedländer-Preis ins Leben, der Menschen auszeichnet, die sich mit Aktionen und Initiativen für Toleranz und Menschlichkeit und gegen Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit einsetzen. Berühmt geworden ist die Holocaust Überlebende für Sätze wie: „Ich bin gekommen, um euch die Hand zu reichen. Ich tue es für euch. Seid Menschen.“ Ihre Stiftung setzt sich dafür ein, ihr Engagement und das Erinnern in einer Zukunft ohne Zeitzeugen aufrechtzuerhalten. Die Gesamtschule Gescher-Velen will ihren Beitrag zu diesem Engagement leisten. „Es ist jetzt unsere Aufgabe, mit dem Namen vernünftig umzugehen und ihr Erbe weiterzuführen“, so Philipp Ottmann. Mit Projekten und Aktionen sollen sich die Schüler an besonderen Daten im Jahr mit der Namensgeberin ihrer Schule und dem Holocaust auseinandersetzen. Am 9. November findet beispielsweise, anlässlich der Reichspogromnacht, für die Fünftklässler ein Projekttag statt. Im vergangenen Jahr erarbeiteten die Schüler Szenen aus Friedländers Leben. Nun, da sie offizielle Namensgeberin ist, wolle man das zur Tradition machen, erklärt Ottmann. Dabei könnten sich die neuen Schüler mit der Namensgeberin ihrer Schule beschäftigen, betont er. Ein weiteres Datum, dass an der Gesamtschule dem Gedenken gehört, ist der 10. Mai - der Tag der Bücherverbrennung - der gleichzeitig sehr nah am Todestag von Margot Friedländer liegt. Regulär bereiten die Schüler der neunten Klasse aus dem Darstellungs- und Gestaltungskurs etwas vor. Im vergangenen Jahr sei es beispielsweise eine szenische Lesung zu Erich Kästner gewesen. Auch rund um Margot Friedländers Geburtstag am 5. November will die Schule noch Projektideen erarbeiten. „So könnten wir immer rund um den Geburtstag und Todestag etwas machen“, sagt Ottmann. Die offizielle Umbenennung soll noch vor den Osterferien stattfinden. Vor dem Zusammenschluss mit der Gesamtschule Gescher lautete der Name der Schule in Velen Abraham-Frank-Sekundarschule im Gedenken an den damals in Velen lebenden Abraham Frank, der im Jahr 1941 mit seiner Frau Helene Frank nach Riga deportiert worden ist. Jüdische Familie lebten seit 1749 in Ramsdorf, seit 1811 in Velen. Sie stellten jedoch mit nie mehr als vier Haushalten eine Minderheit dar, wie Stadtarchivar Torben Peinemann erklärt. Vor 1933 sind neben der Familie Frank in den Archiven in Velen noch die Familie Landau (Burgplatz 3), Humberg und Terhoch (Lange Straße) bekannt. Nach 1933 lebten laut Stadtarchiv noch etwa 13 jüdische Personen in Velen und noch eine Familie in Ramsdorf. Nach und nach wurden Juden in Velen aus Vereinen sowie vom Lehrer- und Beamtentum und von Sozialleistungen ausgeschlossen. Die Metzgerei Abraham Franks wurde bewacht, sein Geschäft immer weiter eingeschränkt. Der Velenerin Amalia Landau wurde die Invalidenrente gestrichen. Geschäfte und Wohnhäuser von Velener Juden wurden zerstört. Die Familie Terhoch wurde ihre Staatsangehörigkeit entzogen. Die Behörden zwangen sie ab 1937 zur Auswanderung, erst in die Niederlande, später nach Kanada. Das Ehepaar Frank gilt seit der Deportation im Jahr 1941 als verschollen beziehungsweise ermordet.
Bild zur Meldung: Schule will Friedländers Erbe weiterführen




